Emilia Neumann – UG.P I, 2025/26
Förderpreiskünstlerin der 7. Skulpturen-Triennale Bingen
https://skulpturen-bingen.de/ausstellung/emilia-neumann-ugpi/
Vom 16. Mai bis 4. Oktober 2026 findet unter dem Titel VERBINDUNG UND ZUSAMMENHALT die 7. Skulpturen-Triennale in Bingen am Rhein statt. Es werden auch 2026 wieder 20 künstlerische Positionen entlang des Rheinufers sowie an ausgewählten Orten der Binger Innenstadt zu sehen sein, darunter drei ortsspezifische Werke aus dem neu geschaffenen Förderprogramm der Triennale.

Die Skulpturen der Frankfurter Bildhauerin Emilia Neumann könnten aus einem Science-Fiction-Film stammen. Sie wirken wie Hybride aus archäologischen Fundstücken untergegangener Kulturen und futuristischen organischen Lebensformen – wie ein Experiment, bei dem Natur und Zivilisation ineinander verklumpen, zusammengehauen, zusammengesteckt, rekonstruiert und neu erfunden werden. Wesentliche Bestandteile ihrer Plastiken sind Alltagsgegenstände wie Gummimatten, Terrakotta-Vasen oder Satellitenschüsseln, die sie zerlegt, zerschneidet, verdreht, umstülpt und neu zusammensetzt, um dann Abdrücke zu nehmen und mit Gips oder Beton auszugießen. Diese färbt sie mit leuchtend bunten, irisierenden Pigmenten während des Gießprozesses ein. Dann werden einzelne Bereiche der Skulptur auf Hochglanz poliert, während andere roh bleiben. Das Ergebnis hat eine industriell-archaische Anmutung, wie eine mit Mikroorganismen und Oxidation überzogene Versteinerung, in der auch noch Leben oder unberechenbare Technologie stecken könnte.
Neumanns Arbeit passt perfekt ins Anthropozän, wie manche das Erdzeitalter nennen, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde geworden ist. Doch gerade wird deutlich, wie wenig das mit Kontrolle oder Nachhaltigkeit zu tun hat, wie wenig diese jahrtausendealte Idee stimmt, dass die menschliche Spezies oben, an der Spitze aller Lebensformen, steht und über die Erde herrscht.
Das Anthropozän ist gekennzeichnet durch Klimawandel, Artensterben und globale Verschmutzung, durch nicht abbaubare Materialien wie Beton, Kunststoffe oder radioaktive Stoffe. Neumanns Skulpturen, mit all ihren industriellen und zivilisatorischen Überresten, wirken wie imaginierte Fundstücke von Ausgrabungen, anhand derer die Geschichte unserer Zivilisation rekonstruiert und auch völlig spekulativ zusammen montiert werden kann.
Nicht nur der Mensch spricht in dieser skulpturalen Praxis, nicht lediglich der Wille der Künstlerin, sondern auch der Prozess und das Material – wie etwa die Pigmente in der Betonmasse. „Zufall trifft auf vorbereiteten Geist“, so formuliert es Neumann. Zugleich ist für sie immer auch die Umgebung, der ortsspezifische Kontext, prägend – auch für die Skulptur, die für Bingen entstand: die Nähe zum Wasser, die konstante Bewegung, das beständige Fließen. Ursprünglich war für diesen Standort eine annähernd runde Form geplant, die an einen gigantischen Ball oder Planeten erinnert: „Rund als die Verkörperung von Einheit und Ganzheit, von gemeinsamem Streben“, sagt Neumann. Doch diese Idee hat sie aufgrund der Weltlage verworfen.
„Die runde Form ist noch die Basis der Skulptur“, sagt sie, „aber heraus ragen nun Zacken, Formteile, Bewegungen und Strömungen, die die Skulptur als offenen Prozess wahrnehmen lassen, nichts Abgeschlossenes.“ Dabei ist dieser Prozess bei Neumann physisch, zwischen Werden und Vergehen begriffen. Ihre Skulpturen haben eine erstaunlich erdige Aura, etwas Wimmelndes, Erodiertes, miteinander Verschlungenes; sie sehen aus, als könnten sie aufbrechen oder aufblühen. Da ist auch neues Leben, das durch Kontamination und Zerstörung entsteht. Ihre Arbeit für Bingen erscheint weniger apokalyptisch, sondern als eine hybride Form, die von Überleben und Resilienz erzählt.


UG.P I, 2025/2026
Beton, Pigment / 147 x 180 x 190 cm
© Emilia Neumann; Foto: David von Becker, Text: Sara Bernshausen
Gerda & Kuno Pieroth Stiftung
Hafenstraße 43
55411 Bingen am Rhein
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