Christin Müller
Hartsubstrat
Felsen, Korallen, Muscheln – vielerlei Assoziationen werden durch Emilia Neumanns farbige Skulpturen geweckt. Das „Hartsubstrat“ bezeichnet dabei diese Gruppe natürlicher Nährböden und ist gleichzeitig titelgebend für die Ausstellung.
In ihrer gleichnamigen Arbeit spielen Wachstum, fließende Bewegungen und materielle sowie farbliche Strukturen eine bedeutende Rolle. Gefühlt in der Schwebe windet sich die rahmenartige Arbeit, die mit Gips von einer bearbeiteten Teichform abgegossen wurde, im Raum. Im Verlauf des künstlerischen Prozesses mit Pigmenten und Acrylfarbe in fleischigen Tönen versetzt, wechseln sich konturreiche, gestische Farbspritzer mit verlaufenen und verwaschenen Farbfeldern ab und schaffen so eine bewegte Oberfläche. Auf Hochglanz poliert, reflektiert das Objekt seine Umwelt und lässt das Material in einem neuen hochwertigen Glanz erscheinen. Radikal gebrochen wird diese Erscheinung durch eine gezielt platzierte Aushöhlung der Arbeit: wie zersetzte Gesteine wirken die bewusst hervorgerufenen Einbuchtungen. Gleichzeitig wird uns die unbearbeitete Unterseite präsentiert. Glanz und gebrochene Strukturen stehen somit nebeneinander und zeigen die Wandelbarkeit und Bearbeitung, aber auch die partielle Unkontrollierbarkeit des Materials. Die Stellen, an denen die Arbeit mit dem Boden in Berührung tritt sind durch Risse gekennzeichnet. Die scheinbar fragilste Stelle droht somit unter der Last des Materials auseinander zu brechen. In der Schwebe zwischen Ganzheit und Verfall, Kontur und Auflösung, Bewegung und Starrheit des vermeintlich natürlichen „Hartsubstrats“, ist die Rezeption der körpergroßen Arbeit offen angelegt für eigene Zugänge.
Vielmehr durch ein serielles Wachstum zeichnet sich die Arbeit „o.T.(endogene)“ aus. Zusammengesetzte Teile vom Schrottplatz bilden ihren Ursprung. Mithilfe einer flexiblen Silikonform, deren Konturen und Gestalt im Zuge der Herstellung des jeweiligen Objektes abgewandelt werden, entsteht die Serie aus Gips. Von Objekt zu Objekt zeigen die Arbeiten eine Entwicklung, die sowohl buchstückhaft als auch in sich geschlossen ist. Die Ursprungsform ist nicht mehr auszumachen, stattdessen entsteht etwas Neues, das zuvor in dieser Art nicht existiert hat. Durch die potentiell ins Unendliche führende Transformation entstehen Objekte, die jeglichem Bekannten entsagen und damit unsere individuellen Zuschreibungen und Verbindungen reizen und hinterfragen. Die Objekte referieren dabei zugleich auf Ursprung und Wachstum aber auch auf seine Zersetzung: Sind es Teile eines ehemals Ganzen oder Ursprung für etwas Neues? Damit changieren sie zwischen einer abstrakten Ganzheit und seiner Zerteilung; zwischen Fragmenthaftigkeit und der Überführung in ein autonomes Objekt.
Die Arbeiten von Emilia Neumann zeigen eine spannungsreiche Vielfalt. Durch die Verwendung und Verarbeitung industrieller Formen und deren Umwandlung zum originären künstlerischen Objekt, erschaffen ihre Arbeiten nicht nur durch ihre farbliche und materielle Struktur den künstlerischen Nährboden und damit das Substrat für subjektive Zuschreibungen, sondern fordern ebenso eine wechselseitige Auseinandersetzung mit Original und Abdruck, Bewegung und Starrheit, Oberfläche und Tiefe und nicht zuletzt Fragment und Ganzem. Es bleibt dem/ der Betrachter/in überlassen, seine subjektiven Zuschreibungen im Spannungsfeld zwischen (freier) Norm und (gefertigter) Natur zu entfalten.
Christin Müller